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Operation J-Pouch

J-Pouch Erfahrungsbericht #5: Die Kolektomie

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Im fünften Teil meines J-Pouch Erfahrungsberichts geht es um den Tag der Kolektomie. Diese ist die erste von drei Operationen, die meine Colitis Ulcerosa „heilen“ sollen und wurde am 11.06.2021 im Klinikum Köln-Porz durchgeführt. Wie der Tag und die OP verliefen, beschreibe ich hier.

Zuerst bin ich aber die Antwort auf die Frage schuldig, wieso es hier so lange still war. Eigentlich wollte ich noch im Krankenhaus die ersten Beiträge schreiben, um möglichst aktuell meine Erfahrungen zu teilen. Mittlerweile bin ich jedoch seit zwei Tagen entlassen. Die Beiträge zu den Tagen nach der Operation werde ich jetzt zeitnah und chronologisch nachliefern, dafür habe ich im Klinikum genug Notizen gemacht.

Zwei Tage nach der OP wurde ich auf eine Station verlegt, auf der es kein Internet mehr gab. Außerdem hatte ich mit einer Infektion im Bauch zu kämpfen, sodass ich einfach nicht fit genug war, um 1. bis zum WLAN im Eingangsbereich zu laufen und 2. überhaupt am Laptop zu arbeiten. Deshalb kam hier bisher nichts und einige von euch mussten ein wenig länger auf Antworten von mir warten. Sorry!
Jetzt aber zum Tag der OP:

Aufstehen und Vorbereitung

Meine Operation ist für 08:00 Uhr geplant und damit direkt an erster Position. Ab 05:30 Uhr darf ich nicht mehr trinken und auch das Frühstück fällt natürlich aus. Gegen 06:30 werde ich geweckt; die Nacht war erholsamer, als erwartet. Ein Pfleger stellt sich bei mir vor und teilt mir mit, dass die OP auch wie geplant um 08:00 Uhr stattfinden wird. Er ist den gesamten Tag über für mich zuständig, was auf jeden Fall sehr hilfreich war.

Die erste Überraschung für mich ist, dass ich gebeten werde, meinen Bauch zu rasieren. Ich hatte erwartet, dass dies im OP-Bereich gemacht wird und nicht durch die Patienten selbst. Packt euch also einen Rasierer dafür ein, die vom Krankenhaus sind nicht so der Hammer. Nach der Rasur bekomme ich die OP-Kleidung überreicht: Thrombosestrümpfe, Netzunterhose und OP-Hemd werden vorerst mein neues Outfit.

Und das war es auch schon, mehr passiert nicht mehr. Um 07:20 Uhr kommt der Pfleger wieder und schiebt mich in meinem Bett runter in den Operationsbereich. Die Timeslots sind eng getaktet, als wir ankommen ist die Patientenschleuse noch belegt. Pünktlich um 07:30 Uhr können wir aber rein. Bislang bin ich noch immer nicht wirklich aufgeregt; zumindest fühle ich mich nicht so. Ein wenig freue ich sogar, dass es endlich losgeht.

Eingang zum OP-Bereich

Zuerst werde ich in die Patientenschleuse geschoben. Der Raum besteht aus zwei Seiten, die durch eine rund 80cm hohe Trennwand abgegrenzt sind. Auf die eine Seite wird mein Bett geschoben. Hinter der Trennwand steht bereits eine OP-Schwester, die mit einer Trage auf mich wartet. Ich muss vom Bett über die Trennwand auf die Trage rüberklettern und bin damit offiziell im OP-Bereich. Der Stationspfleger bringt mein Bett zurück und die OP-Schwester übernimmt von hier an.

Nun werde ich in den Anästhesie-Raum geschoben. Die OP-Schwester ist schon wieder weg und eine Anästhesistin übernimmt. Nach dem Stationspfleger, der OP-Schwester und einem Arzt im Eingangsbereich, fragt sie mich zum vierten Mal, wer ich bin und welche OP bei mir durchgeführt werden soll. Dieses ständige Fragen stellt sicher, dass in drei Stunden auch die richtige Person ohne Dickdarm wieder wach wird. Vielleicht sollte man die Technik mal den österreichischen Ärzten beibringen, die vor rund vier Wochen einem Mann das falsche Bein amputierten. 😉

Im Anästhesie-Raum wird mir zuerst ein Zugang in eine Armvene gelegt. Ich bekomme einen Sauerstoff-Schlauch in die Nase und alle Vitalwerte werden durchgemessen. Und dann kommt der Schock: 130er Puls und 38°C Körpertemperatur. Die Anästhesistin zweifelt, ob die Operation so überhaupt durchgeführt werden kann. Zwar habe ich noch vor 48h einen negativen Corona-PCR-Test gemacht, allerdings könnten die Werte ein Zeichen auf einen Infekt sein. Dann dürfte keinesfalls operiert werden. Sie verlässt den Raum, um sich mit den Kollegen abzustimmen. Die OP in dieser wirklich letzten Sekunde doch noch abzubrechen, ist wirklich das letzte, was ich in dem Moment will…

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt sie wieder und hat zum Glück gute Nachrichten: Die Chirurgen haben ihr OK gegeben und wollen operieren. Die Vermutung ist, dass Puls und Temperatur durch die schwere Entzündung im Darm so erhöht sind. Auch am Vortag beim EKG hatte ich einen Ruhepuls von 110. Da nochmal 20 Schläge aus vielleicht doch unterbewusster Aufregung drauf und schon ist man bei 130. Da ich mich auch nicht kranker fühle, als sonst, geht es also los.

Und dann geht alles überraschend schnell. Ich bekomme ein erstes Beruhigungsmittel, was im Effekt ungefähr dem ersten Propofol bei einer Sedierung ähnelt. Nur rund 10 Sekunden später folgt dann das Narkosemittel. Die Anästhesistin gibt kurz Bescheid, mir wird warm und die Augen fallen zu. Hier endet die Erinnerung.

Die Operation

Von der OP selbst habe ich natürlich nichts mitbekommen. Hier aber das, was ich von den Ärzten erfahren habe:
Die OP konnte pünktlich um 08:00 Uhr starten und endete gegen 11:00 Uhr. Damit lag die Dauer genau bei den drei Stunden, die normalerweise für eine Kolektomie ohne Komplikationen angesetzt werden. Die gab es während der Operation auch nicht; alles lief nach Plan. Allerdings war es laut dem Chirurgen eine wirklich anspruchsvolle Operation: Mein Dickdarm war sehr schwer entzündet und durch die jahrelange Erkrankung deutlich beschädigt. Es sei höchste Zeit gewesen, die OP durchzuführen und ihn zu entfernen. Mein höchster Respekt gilt deshalb dem Chirurgen, der die OP trotzdem ohne kritische Blutungen oder sonstige Komplikationen geschafft hat.

Das Aufwachen und der Nachmittag

Meine Erinnerung setzt gegen 12:00 Uhr im Aufwachraum wieder ein. Ich bin erstaunlich schnell wieder klar im Kopf und weiß sofort, wo ich bin. Mir schießt nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Ich hab’s geschafft.

Im Aufwachraum stehen rund 15 Betten mit Patienten. Fünf Ärzte und Pfleger sitzen an Bildschirmen mit den Vitalwerten und kümmern sich um die Patienten. Ich habe zu meiner Überraschung kaum Schmerzen und bin einfach nur müde. Kurz nachdem ich wach bin, kommt ein Pfleger zu mir. Er zeigt mir zuerst die Fernbedienung meiner Schmerzpumpe, die in den kommenden Tagen zu meinem verlässlichsten Begleiter werden wird: Sie hat nur einen einzigen Knopf und eine grüne LED. Leuchtet die LED und drücke ich den Knopf, werden mir 1,5mg Piritramid ins Blut gepumpt. Dann gibt es fünf Minuten Cooldown und die Pumpe ist gesperrt, um Überdosierungen zu vermeiden. Erst wenn die Lampe wieder leuchtet, wird beim Drücken auch wieder Schmerzmittel ausgegeben.

Dem Pfleger machen allerdings meine Vitalwerte Sorgen: Mein Puls liegt noch immer bei 130 und die Sauerstoff-Sättigung fällt immer wieder zu stark. Der Grund dafür ist mein ständiges Einschlafen: Ich schlafe ein und „vergesse“ dann ausreichend zu atmen. Über den Nachmittag hinweg erinnere ich mich deshalb fast ausschließlich an einen ewigen Kreislauf: Mir fallen die Augen zu und ich schlafe ein. Gefühlte Sekunden später ruft jemand „Herr Lasse, atmen nicht vergessen!“ und ich schrecke wieder auf.
Irgendwann bekomme ich dann eine Sauerstoffmaske.

Außerdem bin ich gefühlt direkt nach der OP mit einem Atemtrainer in der Hand wachgeworden. Atmet man durch dessen Schlauch ein, so werden je nach Volumenstrom der Lunge, unterschiedlich schwere Kugeln angehoben. Das Ziel ist natürlich alle drei Kugeln bis nach oben zu heben. Über den Nachmittag hinweg arbeite ich mich von überhaupt keiner Bewegung bis zu den ersten zwei Kugeln vor. Die dritte Kugel blieb noch bestimmt drei weitere Tage wie festgeklebt, ließ sich dann aber auch irgendwann bewegen.

Atemtrainer, um die Lunge nach der OP fit zu machen [1]


Außerdem wird mir am Nachmittag noch ein Urinkatheter gelegt. Dieser war eigentlich nicht geplant. Allerdings schafft mein Gehirn es nicht, die Welten „in einem Bett liegen“ und „Wasser lassen“ zu verbinden: Ich kann einfach keine Urinflasche benutzen. Da meine Blase sich laut Arzt mittlerweile aber zu weit in den „leeren“ Bauch ausweitet, kommt der Katheter. Ich habe davon nicht viel mitbekommen.

Gegen 17 Uhr hat sich mein Puls noch immer nicht gesenkt. Einige Ärzte versammeln sich um mein Bett und beraten, wie es weiter gehen soll. Wegen des hohen Pulses und der instabilen Atmung wird vorgeschlagen, mich auf die Intensivstation zu bringen. Zuerst soll aber noch versucht werden, den Puls mit Betablockern zu senken. Das funktioniert: Eine halbe Stunde später liegt der Puls noch bei 110 und ich komme doch noch auf die normale Station. Der Pfleger vom Morgen kommt und schiebt mich zurück.

Zurück auf der Station

Am Abend auf der Station ist nicht mehr viel passiert. Ich habe kurz mit meiner Familie und meiner Freundin geschrieben, diese wurden aber auch direkt nach der OP schon vom Chirurgen angerufen. Danach habe ich dann aber vor allem erstmal geschlafen.

Nur ein ToDo hatte ich noch. Von allen Seiten hieß es, man soll sich frühestmöglich mobilisieren. Und dass ich das kann, wollte ich mir selbst und auch meiner Familie unbedingt beweisen. Um 22:15 Uhr (weniger als 12 Stunden nach der Kolektomie) stehe ich aus dem Bett auf und lasse von einer Pflegerin direkt ein Beweisfoto machen. Beim Aufstehen fühlt es sich zwar an, als wenn all meine Organe ein gutes Stück durch den Bauch rutschen, die Schmerzen sind aber auszuhalten.

Rund 11h nach der OP: Meine Sicht war vermutlich ähnlich verschwommen, wie die Fokussierungskünste der Krankenschwester 😉

Das war an dem Tag sowieso meine größte Erkenntnis: Die Schmerzen sind deutlich besser auszuhalten, als ich erwartet hatte. Den gesamten Tag über bewegten sie sich so im Bereich 4-6 und waren damit zeitweise in Bereichen, die ich von der Colitis Ulcerosa schon längst kannte. Man muss natürlich berücksichtigen: Ich wurde vollgepumpt mit Schmerzmitteln.

Am Abend kommt ein Anästhesist und füllt die Schmerzpumpe auf. Bei der Auswertung sagt er, ich hätte seit 12 Uhr ganze 144 mal auf den Knopf der Fernbedienung gedrückt. Nur 87 mal wurde ausgelöst, die restlichen Male lagen in den Cooldown-Phasen. Also ja, ich habe die Schmerzpumpe so sehr genutzt, wie es nur ging. Dazu ist sie ja auch da. Und so konnte ich den Tag wirklich gut aushalten. Nebenwirkungen von den Schmerzmitteln hatte ich dabei keine, ich fühlte mich klar im Kopf.

Am Abend schlief ich wirklich beruhigt und zufrieden ein. Der Tag hatte sich für mich als deutlich einfacher erwiesen, als zuvor erwartet. Und da es ab sofort nur besser werden könne, war ich absolut zuversichtlich. Das vorerst schlimmste schien überstanden zu sein.

Quellen:
[1] https://www.medplus24.de/Atemtrainer-Lungentrainer-TRI-BALL

Alle Beiträge der Serie „J-Pouch Erfahrungsbericht“ findest du auf der Übersichtsseite.

Du hast Fragen zum Tag der Kolektomie?

…oder kommentiere unter diesem Beitrag! Gerne beantworte ich alle Fragen und gebe Infos, die ich im Beitrag vielleicht vergessen habe!

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2 Antworten auf „J-Pouch Erfahrungsbericht #5: Die Kolektomie“

Lieber Lasse
Danke, dass du uns trotz aller Unpässlichkeiten, Schmerz, und Stress mit der CU und allen begleitenden Umstände an deinem Weg teilhaben lässt. Ist für mich wie auch für viele anderen Mitbetroffenen sowas von wichtig zu sehen mit wieviel positiver Energie und Kraft man der Krankheit entgegen treten kann. Danke!
Ich wünsche dir eine gute Genesung von der Kolektomie und freue mich weiter von dir zu lesen

Hallo Andi,
vielen Dank für das Feedback, dann weiß ich auf jeden Fall, dass sich die Arbeit lohnt! Schön, dass dir die Berichte gefallen und danke für deine Unterstützung!

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