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Operation J-Pouch

J-Pouch Erfahrungsbericht #7: Tag 4-7 nach der Kolektomie

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Im siebten Teil meines J-Pouch Erfahrungsberichts geht es um die zweite Hälfte der ersten Woche nach der OP. Es werden weitere Maßnahmen gegen die Infektion in meinem Bauch ergriffen. Diese sind nicht unbedingt angenehm und mir geht es erstmal wieder schlechter. Sieben Tage nach der Operation erreiche ich den Tiefpunkt meines Krankenhausaufenthalts. Hier erfahrt ihr, wie ich diese Zeit erlebt habe.

Hinweis: In diesem Beitrag gibt es Bilder, auf denen ein kleiner chirurgischer Eingriff und Blut zu sehen sind. Sehr sensible Leser:innen sollten diesen Beitrag also eventuell überspringen.

Dienstag, 15.06.21, Tag 4

Der Dienstag beginnt mit einer guten Nachricht: In der OP wird einem ein Katheter in den Po gelegt und auch festgenäht, um die Wundflüssigkeit der Naht ableiten zu können. Dieser ist nicht schmerzhaft aber beim Sitzen durchaus unangenehm und verbleibt für fünf bis sieben Tage nach der OP. Ich kann die Ärzte in der Visite überzeugen und er wird an Tag 4 schon entfernt. Ein kleiner Schritt vorwärts. Trotz Stoma gibt es jetzt also auch wieder Ausscheidungen aus dem verbliebenen Rest an Dickdarm. Dieser ist auch noch immer durch die Colitis Ulcerosa entzündet, sodass vor allem Blut und erneuerte Schleimhaut ausgeschieden wird.

Außerdem erhalte ich die ersten Tabletten, da ich die bisherigen Ess-Versuche gut vertragen habe. So soll ich die Nutzung der Schmerzpumpe langsam reduzieren können. Ich erhalte viermal täglich zwei Novalgin Tabletten. Von diesen spüre ich aber keinerlei Effekt, weder positiv noch negativ. Dazu gibt es allerdings morgens und abends jeweils einmal Tilidin. Und schon kurz nach der ersten Einnahme weiß ich, warum manche Rapper so sind wie sie sind… Gegen die Schmerzen hilft das Tilidin mir überhaupt nicht, dafür spüre ich aber deutliche Nebenwirkungen.

Von der Tablette am Morgen wird mir schwindelig, meine Sicht verschwimmt immer wieder und mir ist abwechselnd heiß und eiskalt. Am Abend bekomme ich Halluzinationen. Der Infusionsständer wird plötzlich zu jemandem, der neben meinem Bett steht. Schließe ich die Augen, so fühlt es sich an, als würde ich einen Film schauen. Alle möglichen Bilder fliegen vor meinen Augen entlang während ich das Gefühl habe, permanent in die Tiefe zu stürzen. Die Nebenwirkungen werden aber mit jeder Einnahme schwächer und waren auf jeden Fall interessant zu erleben. Auch wenn die Halluzinationen vollkommen unlogisch sind, fühlt es sich in dem Moment an, als würde man die Dinge tatsächlich sehen. Mangels Wirkung setze ich das Tilidin nach vier Tagen selbstständig wieder ab.

Mittwoch, 16.06.21, Tag 5

Auch der Mittwoch beginnt mit guten Nachrichten: Ich habe kein Fieber mehr! Damit sollte es jetzt zumindest in der Theorie bergauf gehen. Die Praxis ist jedoch eine andere: Ich habe weder morgens noch mittags Appetit und schaffe es nicht zu essen. Außerdem zeigt sich auf meiner Zunge eine Infektion, wie ich sie auch in Schüben der Colitis Ulcerosa schon hatte. Zum Antibiotikum bekomme ich deshalb zusätzlich noch Infusionen gegen Pilzinfektionen.

Am Mittag werde ich dann mal wieder in die Chirurgie geschoben. Es soll eine Drainage gelegt werden, damit die Flüssigkeit aus dem Bauch ablaufen kann. Eine solche Drainage ist ein einfacher Schlauch, der aus dem Bauch herausführt und in einem Beutel endet. Er wird am Bauch festgenäht, sodass man ihn nicht aus Versehen herausziehen kann. Die Drainage soll rund 5cm unter dem Bauchnabel angelegt werden, um an dieser tiefen Stelle möglichst viel Flüssigkeit ausleiten zu können.

Das Vorgehen ähnelt der Punktion am Sonntag: Zuerst wird der Bauch mit mehreren Spritzen lokal betäubt. Diese lokale Betäubung wirkt gefühlt aber immer eher mäßig. Den ersten Schnitt des Skalpells spüre ich deutlich. Auf Anfrage erhalte ich deshalb zuerst eine Infusion mit Schmerzmittel, bevor die Chirurgin weitermacht. Während der Prozedur bin ich wach und kann mich gut mit den Ärzten unterhalten. Einer von ihnen macht für den Blog sogar Fotos mit meinem Handy; vielen Dank nochmal dafür!

Anlegen einer Drainage am unteren Bauch, hier ist sie noch nicht festgenäht. Ich bin während des Eingriffs wach und nur lokal betäubt.

Wie auch bei der Punktion kann ich die rund 15min, die das Ganze dauert, gut aushalten. Die einzig unangenehme Stelle ist der Moment, in dem die Punktionsnadel das Bauchfell durchsticht. Der Schmerz lässt aber schnell wieder nach. Als der Schlauch sine finale Position erreicht hat und fixiert wurde, beginnt die Chirurgin die Flüssigkeit auszuleiten.

Fertig! Die Einstichstelle wird mit einem Pflaster geschützt, der Schlauch ist schon mit blutigem Wundwasser gefüllt. Ein Stück OP-Tuch klebt am Stoma und ließ sich leider nicht mehr lösen.

Und davon kommt mehr als genug. Zuerst werden einige Behälter für das Labor abgefüllt. Diese werden wieder analysiert, um gegebenenfalls das Antibiotikum anzupassen.

Insgesamt 500ml für die Mikrobiologie. Die Flüssigkeit ist blutig, trüb und voller Verklumpungen: Zeichen für eine Infektion und Entzündung

Nach den 500ml für das Labor ist aber noch nicht Schluss. Mein Bauch fühlte sich bisher durchaus hart, gespannt und empfindlich an. Ich dachte aber, das wäre nach einer solchen OP in diesem Maße auch normal. Während die Flüssigkeit abläuft, spüre ich allerdings, wie der Bauch zunehmend entspannt und das Druckgefühl nachlässt. Die Flüssigkeit, die sich im Beutel der Drainage sammelt, sieht aber wirklich ungesund aus.

Weitere 300ml Flüssigkeit, rund 10 Minuten nach dem Anlegen der Drainage

Am Abend fühlt sich mein Bauch ein wenig besser an, der Beutel füllt sich auch deutlich langsamer mit neuer Flüssigkeit. Die Einstichstelle fühlt sich dafür aber ziemlich unangenehm an. Bei jeder Bewegung spürt man einen leichten Schmerz bis tief in den Bauch hinein. Ich benutze wieder meine Schmerzpumpe und bin einfach froh, dass der Tag vorbei ist. Wenig später kommt zum zweiten Mal die Stoma-Therapeutin. Sie hat irgendwie ein Talent dafür, immer dann zu kommen, wenn es mir gerade am schlechtesten geht. Also übernimmt sie wieder das Wechseln des Beutels und ich schaue zu und versuche was zu lernen.

Donnerstag, 17.06.21, Tag 6

Am Donnerstag scheint nicht viel passiert zu sein. Ich habe mir nur notiert, dass die Außentemperatur 35°C erreicht und ich mich auch dementsprechend fühle. Immerhin hat sich das Fieber verabschiedet und ist seitdem auch nicht wiedergekommen.

Freitag, 18.06.21, Tag 7

Trotz Drainage steigen meine Infekt-Werte weiter. Dies macht den Ärzten Sorgen, da die Ursache noch immer nicht gefunden wurde. Deshalb entscheiden sie sich dazu, noch einmal den Rektumstumpf auf Dichtheit zu überprüfen. So soll wirklich zu 100% sichergestellt werden, dass es nicht daran liegt. Also geht es zum zweiten Mal ins CT.

Ich weiß nicht wieso, aber dieses CT übertrifft das erste noch einmal deutlich. Vermutlich will auch der Radiologe auf Nummer sicher gehen. Jedenfalls ist der Druck, der auf die Naht ausgeübt wird, dieses Mal spürbar höher. Auch die Schmerzen sind (trotz Schmerzpumpe) deutlich stärker. Mit 8/10 ist dieses CT einer der zwei schmerzhaftesten Momente in diesem Krankenhausaufenthalt. Aber: Auch in diesem zweiten Test hält die Naht dem Druck stand. Eine Undichtigkeit des Rektumstumpfs ist definitiv nicht der Grund für die Infektion.

Professor Kroesen erklärt mir einige Tage später bei der Visite die vermutliche Ursache der Infektion: Es komme ab und zu vor, dass Bakterien durch die Schleimhaut des Darm hindurchwandern und so eine Infektion im Bauchraum auslösen. Voraussetzung dafür ist eine sehr schwere Entzündung durch die Colitis Ulcerosa, die die Schleimhaut schon stark beschädigt hat. Das habe ich eindeutig erfüllt und kann wirklich froh sein, dass der Dickdarm jetzt endlich raus ist. Ohne OP hätte eine solche Infektion in nächster Zeit ebenfalls passieren können. Dann wäre vermutlich eine Not-OP nötig gewesen. Das gibt mir mit meiner Entscheidung für die OP eindeutige Bestätigung. Auch wenn die Entscheidung schwerfiel, alles richtig gemacht und rechtzeitig reagiert.

Um dennoch etwas gegen die steigenden Werte zu unternehmen, wird entschieden, zwei weitere Drainagen anzulegen. Das CT hatte gezeigt, dass sich auch an den Seiten des Bauch Flüssigkeit angesammelt hat. Deshalb soll jeweils eine Drainage in die Seiten des Bauchs hinzukommen. Da diese deutlich empfindlicher sind und ich an dem Tag noch nichts gegessen habe, ist zum Glück eine Sedierung möglich.

Im OP bekomme ich eine Schmerzmittel-Infusion und werde für den Eingriff vorbereitet. Dann kommt das Propofol in die Vene und ich schlafe ein. Wieder wach werde ich auf meinem Zimmer. Ich schaue runter auf meinen Bauch und sehe einen Haufen Schläuche und nun drei Beutel für die Drainagen. Aber es sieht gut aus: Die Flüssigkeit in den Beuteln ist nicht mehr blutig und relativ klar. Vielleicht hat sich das Problem jetzt erledigt.

Drainagen links, rechts und unten am Bauch. Ein gutes Zeichen: Die Flüssigkeit in den Schläuchen ist heller, klarer und nicht mehr blutig. Bewegen macht so aber keinen Spaß.

Für die Moral sind die Drainagen allerdings trotzdem Gift: Mit den drei Schläuchen ist jede Bewegung unangenehm und selbst im Liegen zwickt es überall. Ständig bleibt man irgendwo hängen und zusätzlich zum Infusionsständer muss ich nun immer die drei Beutel mit mir rumtragen, ohne dass die Schläuche zu sehr an den Nähten am Bauch ziehen. Ich bin absolut genervt, liege nur noch im Bett rum und freue mich einfach nur auf den Tag, an dem die Dinger wieder rauskommen. Rückblickend war dieser Abend mein absoluter Tiefpunkt nach der Operation. Ein perfekter Moment für den dritten Besuch der Stoma-Therapeutin…

Alle Beiträge der Serie „J-Pouch Erfahrungsbericht“ findest du auf der Übersichtsseite.

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